mars attacks ! kritik watson.ch

TRAUM-THEATER

Hier erfahren Sie die ganze Wahrheit über Beatrice Egli: Sie stammt von Aliens ab!

Das Zürcher Theater Hora ist das berühmteste Behindertentheater der Welt – und einer der begehrtesten Schweizer Kulturexporte. Auch das neue Stück «Mars Attacks! »wird daran nichts ändern.

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Es war einer der schönsten Abende, den sich das Theater Hora für seinen lustvollen Weltuntergang gewählt hatte, Zürich schimmerte in den Abend hinein, der Himmel spannte sich blassblau über den See wie ein Ballkleid von Grace Kelly, die Saffa-Insel lag darin wie ein Smaragd, und die Rote Fabrik war wieder einmal einer der angenehmsten Orte der Stadt. Und dann brach dieses ganze Idyll in sich zusammen: Wolken fielen vom Himmel, Kühe brannten, die Nachtigall sang bei Tag, es war überhaupt ein Riesengetöse, und das Theater Hora knebelte und fesselte einen Berliner Kollegen, röstete ihn auf glühenden Kohlen und kitzelte ihn fast zu Tode.

Der Berliner kam vom Schaumstoffpuppen-Theater Helmi, gemeinsam mit seiner in Berlin bekannten Kollegin, der Performerin Cora Frost, und zwei weiteren ganz gewöhnlichen Menschen. Die Horas kamen wie immer aus Zürich und ihre Superstars sind Julia Häusermann, Matthias Brücker oder das Männer-Model Matthias Grandjean.

Hosen runterlassen und Männer schwängern

Das Behindertentheater Hora gibt es nun schon seit 21 Jahren, es tourt durch die Schweiz und seit einigen Jahren auch durch die Welt, es war schon in Deutschland, Belgien, Südkorea und vielen andern Ländern,Singapur steht auf dem Plan, und letztes Jahr wurde seine Produktion «Disabled Theater» als eine der zehn besten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum ans Berliner Theatertreffen eingeladen. Und Julia Häusermann gewann den Preis für das beste Schauspiel. Der normalerweise an Leute wie August Diehl, Fabian Hinrichs oder Fritzi Haberlandt geht. Normalerweise. Aber Julia Häusermann war einfach besser. Eben ausserirdisch gut.

Und genau darum geht es auch jetzt in «Mars Attacks!» nach dem Comic der 50er- und dem Tim-Burton-Film der 90er-Jahre: Um die banalen Begrenzungen des Normalmenschlichen und um eine Invasion von ultrafrechen und selbstverständlich mit allerlei Superkräften versehenen Marsianern. Eine Superkraft ist, die Menschen so zu verhexen, dass sie gar nicht anders können, als die Hosen herunterzulassen. Oder Frauen und Männer zu schwängern. Was wiederum zu aussergewöhnlichen Alien-Geburten führt, die aussehen wie ein grüner E.T.-Kopf auf einem Stummel oder wie ein Haufen grüner Spaghetti.

Es kommt! Es kommt! Herr und Frau Egli (Matthias Brücker und Julia Häusermann), beide kurz vor der Niederkunft.bild: frances d’ath

Die fehlerhaftesten dieser Geburten entschlüpfen einem Herrn und einer Frau Egli (diese ist im Akt der Schwängerung gerade noch der amerikanische Präsident gewesen), werden von Tom Jones abgeholt und sollen eine Gesangskarriere machen. «Mein Herz, es brennt» von Beatrice Egli gabs kurz davor noch in einer äusserst wohlklingenden Latino-Variante zu hören.

Es gibt also viel kreatives Chaos, viel Musik, viel Tanz und obwohl Cora Frost einen allzu virtuosen Kollegen von Hora einmal mahnt, dass Theater «kein Egotrip» sein dürfe, ist es natürlich genau das. Die Berliner sind nur Handlanger der Zürcher – sie machen das allerdings wunderbar, vor allem bei der musikalischen Unterstützung und mit ihren Schaumgummi-Accessoires –, aber anders dürfte es auch gar nicht sein. Schliesslich sind die Horas Helden und ihnen gebührt Verehrung.

Auch eine zauberhafte Massenorgie wird gefeiert, fast alle sind fast ganz nackt dabei, bemalen sich mit grüner Schlammfarbe und spielen mit Folien. Ein Bacchanal im Märchenwald. Eine dieser seltenen Theater-Sequenzen, die so fein gespielt und so geschickt inszeniert sind, dass man nicht mehr weiss, ob man noch wach ist oder schon in einen Traum entglitten.

Orgie im Zauberwald. bild: frances d’ath

Und über allem, über der Lust, der Körperlichkeit, der Komik und dem gnadenlosen Anarchismus dieses Abends ist es plötzlich, als hätte da einer eine Invasion aus seinem ganz eigenen Jenseits vollzogen und seine Hand mit im Spiel gehabt, einer, mit dem man so gar nicht gerechnet hat. Denn was die Horas mit den Berlinern zusammen machen, das hat eine Kraft, die enorm an jenen Meisterbefreier des Theaters erinnert, an jenen liebevollen Entfesselungskönig, an Christoph Schlingensief nämlich. Reinkarniert im Theater Hora. Wenn das kein sehenswertes Wunder ist. Und spätestens da muss man ganz einfach an Ausserirdische glauben.

Theater Hora mit «Mars Attacks!»

«Mars Attacks!» gibt es noch vom 7. bis zum 11. Mai, jeweils um 20 Uhr im Fabriktheater der Roten Fabrik zu sehen. Sowie am 14. und 15. Mai im Berner Tojo Theater.

 

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