mars attcks ! vorschau im NZZ

Von wegen ausserirdisch!

Katja Baigger Freitag, 2. Mai 2014, 09:14

Am Montag feiert das Stück «Mars Attacks!» der Theatergruppen Helmi und Hora Premiere. Die Idee der Leitung, die behinderten Schauspieler sollten als Marsmenschen zurückschlagen, wurde wieder verworfen.

«Wir wollen keinen Chef!», skandieren die sieben Schauspieler des Zürcher Behindertentheaters Hora. Sie tragen Transparente und schieben den an einen Wagen gefesselten Florian Loycke auf die Bühne des Zürcher Fabriktheaters. Wir befinden uns in einer Probe von «Mars Attacks!», einer Gemeinschaftsproduktion des Helmi und des Hora. Die beiden Gruppen erarbeiten einen Bilderbogen frei nach der gleichnamigen «Independence Day»-Parodie von Tim Burton. Dabei wird der Science-Fiction-Klassiker dekonstruiert, in dem Marsmenschen in fliegenden Untertassen die Menschen mit Laserwaffen niedermähen und die Erde erobern.

«Das ist keine Geschichte»

Während der Mitbegründer des Berliner Puppenkollektivs «Das Helmi» hilflos zappelt, ruft Remo Beugger: «Das ist doch keine Geschichte. Wir wollen aber eine, die wir verstehen!» «Herr der Ringe» sei eine, «aber das da?» Seine Kolleginnen und Kollegen, die meisten von ihnen haben ein Down-Syndrom, stimmen ein in das Klagelied. Bis der Professor «Vernunft» mit seinem Diener «Verstand» auftritt und die verspielten Theaterleute barsch zurechtweist.

Tim Burtons ironisches Meisterwerk haben die Hora-Schauspieler zwei-, dreimal gesehen. Die einen waren begeistert, die anderen verstanden die Ironie nicht, wieder andere fanden diese surreale Vision über das Ende der Menschheit albtraumhaft. So wirkt die entstandene Arbeit nun auf Cora Frost, auch sie ein Helmi-Mitglied. Das bedeute für sie Ästhetik, erzählt die Sängerin und Schauspielerin bei einem Kaffee im «Ziegel oh Lac». «Die Zuschauer erwarten Figuren und Themen, die sie einordnen können. Sobald etwas in eine Schablone passt, gefällt es ihnen. Es wird für sie konsumierbar. Wir wollen Schönheit herstellen über ungewöhnliche Wege. Man mag dies Trash-Kunst nennen.»

Auch Florian Loycke sitzt am Tisch und erwähnt diesen «Aufstand». Loycke interessiert nicht nur die Reflexion im Theater über das Theater. Ihm geht es auch um das Hinterfragen der Autorität des Regisseurs. Obwohl er während der Proben vor der Premiere am Montag als dominierender Ideengeber zu identifizieren ist, beteuert er zunächst, die Inszenierung sei im Kollektiv entstanden. Jeder habe Einfälle eingebracht. So etwa imitiert Nikolai Gralak die Schlagersängerin Beatrice Egli. Doch auch anarchisches Trash-Theater benötigt einen Taktgeber. So räumt Loycke ein, Stücke entstünden dialektisch. Er habe Regie gemacht, Cora Frost Gegenregie.

Auf diese Weise kam ihnen die Idee des «Aufstands». Die inszenierte Auflehnung der jungen Künstler verweist auf die Arbeit «Disabled Theater» mit Choreograf Jérôme Bel, der laut Hora-Gründer Michael Elber einem Kontrollfreak ähnelte. Jetzt, in der Zusammenarbeit mit dem antiautoritären Helmi, können sie das verarbeiten.

Den Blicken ausgesetzt?

Die Idee, «Mars Attacks!» zu inszenieren, hatte der Dramaturg Marcel Bugiel, welcher mit Elber das im Juni im Verlag Theater der Zeit erscheinende Hora-Buch herausgibt (siehe Kasten). Elber und Bugiel gingen beim Konzept von einer häufig geäusserten Publikumsmeinung aus, dass die angeblich hilflosen Darsteller in «Disabled Theater» den Blicken der Zuschauer ausgesetzt wurden und keine Chance hatten, zurückzuschlagen. «Wir dachten, wenn wir sie als bösartige Marsianer besetzen, gäben wir ihnen die Möglichkeit, schonungslos zurückzuschlagen und alles niederzumähen, was ihnen im Wege steht», erklärt Elber und fügt freimütig an: «Dank diesem Konzept haben wir Subventionen erhalten.» 100 000 Franken wurden dem Hora zugesprochen. Das ist vergleichbar viel.

Doch von wegen ausserirdisch! Die Hora-Mitglieder wünschten sich, nicht ausschliesslich Marsmenschen verkörpern zu müssen. Den Helmi-Leuten hingegen, die Elber von Festivals kennt und die immer wieder mit Menschen mit Behinderung gearbeitet haben, gefiel das: «Wir sind ein bisschen ausserirdisch», so Loycke. So wurde die ursprüngliche Idee während der kurzen, fünfwöchigen Probezeit verworfen, taucht aber bisweilen wieder auf, etwa wenn Remo Beuggert, Gianni Blumer, Matthias Grandjean, Nikolai Gralak und Tiziana Pagliaro die trashigen Marsmenschen-Puppen leiten, wenn sie die Stadt niedermähen. Anrührend ist die Szene, in der Julia Häusermann die Toten beweint. «Du kannst hier nicht bleiben», meint der Bestatter, gespielt von Loycke, und legt den Arm um sie. Umschlungen gehen die beiden ab.

Zürich, Fabriktheater. Premiere am 5. Mai. Weitere Vorstellungen 7. bis 11 Mai, jeweils 20 h.

 

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