mars attacks ! kritik #4

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Rauschendes Fest in der Marsmännchen-Kommune

Zürich, Rote Fabrik – Da haben sich zwei gar nie richtig gesucht und doch gefunden: das Zürcher Behindertentheater Hora und die Berliner Anti-Puppentheater-Formation Helmi. «Mars Attacks!» heisst das gemeinsame Projekt von Florian Loycke, Cora Frost, Dasniya Sommer und Solène Garnier sowie sieben behinderten Künstlerinnen und Künstlern. Es ist die glückliche Vermählung zweier eigenwilliger Theatergruppen, ein rauschendes Fest der fein choreo grafierten Anarchie. 

Dabei war alles ein bisschen anders geplant: Auf der Grundlage von Tim Burtons Science-Fiction-Satirefilm «Mars Attacks!» sollten die Schauspieler und Schauspielerinnen des Theaters Hora die Rollen der Ausserirdischen übernehmen. Es sollte die Antwort sein auf die kritischen Stimmen, die rund ums gefeierte Hora-Stück «Disabled Theater» laut wurden und davon ausgingen, dass die scheinbar hilflosen Behinderten keine Chance hätten, sich gegen Publikums blicke und Theaterkorsett zu wehren. Als Marsmenschen sollten sie zurückschlagen. Aber die Behinderten mochten sich nicht festlegen lassen. Und weil auch hier, wie bei fast allen Helmi-Arbeiten, die kollektive Regie regiert, spielen jetzt eben alle alles.

So beginnt der Abend mit einem Aufstand, dem gefesselten Helmi-Regisseur Florian Loycke und der Forderung der Hora-Darsteller nach einer für sie verständlichen Geschichte. Die folgenden hundert Minuten sind durchzogen von Episoden, die auch sie bewegen, und von wirksamer Ironie, wenn auch nicht der von Tim Burton. So gibt Nikolai Gralak das Schlagersternchen Beatrice Egli, und Tiziana Pagliaro und Matthias Brücker feiern einander als verliebtes Königspaar. Die Geschichte der Marsianer, die mit ihren Laserwaffen die Menschheit niedermähen, existiert lediglich als dünner roter Faden. Manchmal verschwindet er und taucht dann um so heftiger wieder auf: Wenn die Hora-Akteure bewaffnet mit den Helmi-typischen Schaumstofffratzen und zu harten Synthesizer-Beats von Solène Garnier über die Kartonstadt herfallen. Oder Dasniya Sommer sich als toupierter Alien über den Präsidenten (Gianni Blumer) hermacht.

Bald ist nicht mehr so klar, wer auf welcher Seite steht. Es ist eine Art grüner Virus, der sich im Laufe des Abends auf der Bühne ausbreitet und die Darstellenden vereint, statt sie in Gut und Böse, gesund und krank zu trennen. Bald zeigen die Helmis und Horas auf ihre Weise den Voyeurismus-Kritikern den Stinkefinger, knuddeln und bemalen sich, nackt bis auf die Unterhosen, gegenseitig mit grüner Farbe, während auf der Leinwand im Hintergrund die Erde vorbeizieht. Eine kleine, glückliche Marsmännchen-Kommune, ein Hort der Andersdenkenden jenseits von Vorurteilen und Berührungsängsten. Auch die auf der Erde sind schon angesteckt, und Männer wie Frauen gebären grüne Schaumstoffbabys. Schonungslos lassen sich die Helmi-Künstler auf ihre Mitspieler ein und bringen mit viel Helmi-obligatorischer Livemusik und dezenter Führung die Talente ihrer behinderten Kollegen zum Vorschein. – Als das Virus gegen Ende des Abends in Form von giftgrünen Puddingportionen das Publikum erreicht, sind wir denen auf der Bühne längst verfallen.
Isabel Hemmel
Bis 11. Mai

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