Hasenherz im Bananenkostüm Judith Holofernes

von Oliver Dietrich

im Waschhaus

Sie waren in den 2000er-Jahren eine der prägendsten deutschsprachigen Bands der Popgeschichte: Das Berliner Quartett Wir sind Helden brachte mit seiner Mischung aus Pop-Rock und intelligenten Texten etwas Neues in die Musiklandschaft, das sich über ein Jahrzehnt im nationalen Pop-Kanon im Sattel hielt. Vor etwas mehr als zwei Jahren dann das vorläufige Ende: Wir sind Helden verkündeten eine kreative Pause auf unbestimmte Zeit, von einer Auflösung wollte die Band aber ganz bewusst nicht sprechen.

Sängerin Judith Holofernes scheint von der kreativen Pause der Bandmitglieder weniger beeindruckt zu sein. Anfang des Jahres erschien ihr Soloalbum mit dem Titel „Ein leichtes Schwert“, am Sonntag war sie mit diesem Album im Waschhaus zu Gast – zum zweiten Mal in diesem Jahr, nachdem sie im Juni bereits im Vorprogramm von Bosse auf der Open-Air-Bühne in der Schiffbauergasse stand. Vielleicht war dieses kurze Intervall auch verantwortlich dafür, dass das Konzert von der Arena in den wesentlich kleineren Waschhaus-Saal gelegt wurde – in dem es wie gewohnt wieder zu saunaartigen Temperaturen kam.

Für diese Hitze nicht ganz unverantwortlich war aber auch der Supportact Solène Garnier: Als Hochzeitskleid angekündigt, hüllte sie sich in ein quietschgelbes Bananenkostüm, dazu schmiss sie neben ihrem französischen Akzent noch Keyboard und ihre Loopstation in den ohnehin kochenden Topf. Diesen Franko-Electropop kennt man ja von Stereo Total, wobei Solène Garnier eher die LSD-Variante einer deutlich jüngeren Francoise Cactus war: Die Sängerin schien mit dem Duracell-Hasen verheiratet zu sein, eine nimmermüde Exzentrikerin, die irgendwann nur mit Schlüpfer und einer Gardinenburka den Madonna-Hit „Like a Virgin“ hauchte und ein dildoartiges aufblasbares Mikrofon schwenkte. Das Publikum verharrte prächtig schockiert zwischen verschränkten Armen und hysterischem Gekicher.

Judith Holofernes war das Gegenteil der Französin: In ihrem gepunkteten langärmligen Kleid sah sie so bieder und züchtig aus, dass ihre zerbrechliche Stimme das Bild der Unschuld nur unterstrich. Diese ohnehin schon zuckersüße Stimme schien etwas rauer geworden zu sein, das poetische Pathos hat sich aber erhalten: So sind die poppigen Balladen ein aufrichtiges Surrogat der wilderen Zeiten von Wir sind Helden. Judith Holofernes kann aber auf die Treue ihres Publikums vertrauen, und wenn sie das zerbrechliche und gleichsam wunderschöne Stück „Hasenherz“ spielt, dann geht das am besten mit einem didaktischen Kanon: „Sag was du meinst, mein was du sagst“ – das Publikum soll schließlich nicht unbelehrt nach Hause gehen.

Vielleicht wird Sängerin Holofernes auch von einer Art Altersweisheit geleitet, ein kleiner Rückschritt in die biedere Zufluchtswelt, in der man seine Sensibilität gut ausleben kann. Was nicht schlecht gemacht ist, kann allerdings im Duktus niedlicher Verletzlichkeit schnell in die nichtssagenden Sphären einer Annett Louisan zurückschlagen. Aber dass die Schnulzen in eine Mischung aus Country und Schlager abdriften, weiß Judith Holofernes durch ihre lyrische Qualität wettzumachen: „Ich bin kein Wrack, ich bin eine Havarie“, singt sie zum Ende des Konzertes. Und setzt die Segel. Oliver Dietrich

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