Theaterheute 01/2016

„Fröhlich tropfen die Flageoletttöne aus der Ukulele. Pling, pling, tropf. Aber es sind keine Töne, die da tropfen, es ist Blut, Blut aus einem abgetrennten Schädel, der an einer Gaspipeline hängt und langsam ausblutet. Ein roter, tropfender Ball. Angeblich hätten russische Freischärler so die Leichen tschetschenischer Unabhängigkeitskämpfer zur Schau gestellt, zur Demütigung wie zur Abschreckung. Pling, tropf. Ein starkes Bild, ein unerträgliches Bild. Und in seinem Grauen symptomatisch für Stefano Massinis „Eine nicht umerziehbare Frau“, einem „Theatermemoradum“ zu Leben und Arbeit der 2006 ermordeten russischen Journalistin Anna Poltitkowskaja: drastisch, voll bitterem Humor.

Massinis Stück besteht aus Biografiepartikeln, Interviews und journalistischen Passagen, die Politkowskajas Recherchen zum Komplex der Tschetschenienkriege beschreiben. Die Vorlage ist stark, wo sie mit kräftigen Bildern arbeitet, allerdings sind das dann Bilder, die sich kaum noch transzendieren lassen, die jede Regie torpedieren. Anders gesagt: Der Text ist als Text gelungen, weil er es schafft, auf Effekte zu bauen, ohne den Inhalt hinter diesen Effekten verschwinden zu lassen, als Stückvorlage aber ist er problematisch. Weil keine Bebilderung so stark sein kann wie die Bilder, die Massinis Vorlage aufruft. Ein blutiger Ball, ein Kopf, der in einer apokalyptischen Landschaft an einer Pipeline hängt: Wie will man das zeigen?

Felicitas Braun macht bei ihrer Erstaufführungsinszenierung  am Oldenburgischen Staatstheater das einzig Richtige und zeigt – nichts. Beziehungsweise kaum etwas; eine Bühneninstallation aus Eruopaletten, Sperrholz und einer Sprossenwand muss reichen, um das moralisch wie ökologisch und militärisch verheerte Tschetschenien darzustellen (Ausstattung: Sonja Böhm), zumal zwischen den Paletten etwas versteckt scheint: Puppen, Perücken. Es sind Leiber, die zwischen die groben Holzrequisiten gequetscht sind, ein zurückhaltender und so umso wirkungsvoller Hinweis auf den politischen Kontext, den Massini weitaus lauter beschreibt. Außerdem hat Braun den im Original als Monolog gestalteten Text auf drei Darstellerinnen verteilt: Diana Ebert, Caroline Nagel und vor allem die Musikerin Solène Garnier, die das Erzählte an Gitarre, Sampler und Schlagzeug kontrastiert. Mal mit schunkelndem Reggae-Rhythmus, mal mit Afro-beat-Loops, verspielt, sanft, gegen Ende hin auch mal rauer. Da verlässt „Eine nicht umerziehbare Frau“ das Theater und nähert sich einer Konzertperformance an.

Keine der Darstellerinnen versucht, die reale Politkowskaja zu imitieren, keine versucht dem Schrecken des Krieges ein Gesicht zu geben, stattdessen spielt die Inszenierung mit dem Text, flirtet mit ihm, bricht ihn, spielt auch manchmal bewusst gegen ihn an. Auch dialogische Interviewpassagen werden nicht gespielt, sondern entweder auf alle drei aufgeteilt oder in einer Schauspielerin zusammengefasst. Nagel hängt sich an die Sprossenwand, Ebert bereitet eine Tütensuppe zu, Garnier spielt eine Trompetenfanfare, und schon sind wir in einem Schnelldurchlauf durchs Post-Perestroika-Russland, hektisch, hedonistisch, im Discosound. Identifikation? Hier doch nicht.

Massini hat sein Stück im Abbildungsrealismus angelegt, der dem journalistischen Ethos seiner Protagonistin entspricht – man könnte das vom Blatt weginszenieren als Suada einer enttäuschten, müden, frustrierten Journalistin, die ein paarmal zu häufig gegen Wände gerannt ist. Das wäre als Schauspielsolo möglicherweise sehenswert, aber würde das über den konkreten Fall hinausweisen? Braun aber befreit die drei Frauen von allen konkreten politisch-historischen Bezügen, traumwandlerisch bewegen sie sich durch ein armes, runtergekommenes, sehr physisches Setting, das ihnen darstellerisch alle Freiheiten lässt. Wobei der druchwandelte Traum natürlich ein Alptraum ist, so präsent bleibt die historische Politkowskaja dann doch noch. Pling, tropf.“ (Falk Schreiber)

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